Bau des Monats 11/2022
Sanierung Telli B & C

Meili Peter Architekten realisieren die energetische Sanierung der Telli Hochhäuser Teil B und C in Aarau. Beim Komplettersatz der Bauteile der Fassaden sind dabei kaum Unterschiede zum Originalausdruck zu erkennen. 

Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Geländemodellierung und Ostfassade (Foto: Karin Gauch und Fabien Schwartz)

Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?

Die Ziele der Axa, der Eigentümerin der Wohnzeilen Telli B (1974-1975) und Telli C (1979-1980), waren bestimmt durch die langfristige Werterhaltung der Gebäude, der architektonischen Qualität und der drängenden energetischen Sanierung. Zudem bedingte die Absicht, die gewachsene Sozialstruktur in der Mieterschaft zu bewahren, eine Sanierung im bewohnten Zustand. Die schlussendlich erreichte Zertifizierung basiert auf SNBS 2.0, einem Label, in dem auch die planerisch weit vorausschauende Grundlage aus den 70er-Jahren in die Bewertung hineinspielte. Diese erweiterten Kriterien umfassen die Gemeinschaftsbereiche im Erdgeschoss, den Park mit den vielfältigen Freiraumaktivitäten, die unterirdische Erschliessung des motorisierten Individualverkehrs sowie die Vielfalt an Wohnungstypen, ausserdem die ausserordentlich gute Anbindung an die städtische Infrastruktur. Die gezielten energetischen Massnahmen an der Gebäudehülle und die erneuerbare Energieversorgung durch den Anschluss an das Fernwärmenetz ermöglichten den Erhalt der markanten Beton-Treppentürme. Das Konzept der freien Fensterlüftung beschränkt die technischen Installationen auf ein Minimum.

Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Bestehende Dachlandschaft (Foto: Karin Gauch und Fabien Schwartz)

War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?

Auch wenn die Grosssiedlung Telli nicht unter kantonalem Schutz gemäss Kulturgesetz steht und die Kantonale Denkmalpflege Aargau keine rechtliche Einflussnahme auf Baumassnahmen an den Objekten ausüben kann, wurde während der Planungszeit ein «Ensembleschutz» auf kommunaler Ebene festgelegt. Diese Schutzdefinition ist bestimmt durch «Erhaltung sowie harmonische Ergänzung und Erneuerung von historisch, architektonisch oder städtebaulich besonders wertvollen Gebäude- und Strassenensembles einschliesslich ihrer Freiraumstrukturen.» Die Grossüberbauung Telli, untrennbar verbunden mit Hans Marti, der eigentlichen Leitfigur der schweizerischen Landesplanung, ist bereits in der Projektierung mit einem bemerkenswerten Landschaftspark ausgestattet worden, der nahtlos in das Naherholungsgebiet der Aare übergeht. Der Sengelbach mit seiner naturnahen Ufergestaltung transportiert die Atmosphäre des Gewässerraumes in die Siedlung. All dies folgte den Leitlinien von Hochhäusern, wie sie Marti gefordert hatte, und welche die topographische Einordnung ins Landschaftsbild zum Schlüsselkriterium erhoben. Die Telli-Häuser schaffen eine Einordnung, in der «die Geländeformationen herausgehoben, unterstrichen, betont und Feinheiten herausgearbeitet werden.» Die Silhouetten der terrassierten Zeilen überhöhen die Faltungen der Juraketten im Hintergrund. Die Häuser wurden zugleich durch ihre schiere Höhe von der Bevölkerung mit dem Kosenamen ‹Staumauer› belegt.

Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Telli B & C mit Aussenraum

Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?

Für die Wohnblöcke oktroyierte das Generalunternehmen Horta von Josef Wernle, das sich die umfänglichen Rechte der Realisierung der gesamten Telli gesichert hatte, den Architekten Marti + Kast sein eigenes Wohnbausystem auf. Das serielle Produktionsverfahren der J. Wernle AG setzte auf vorfabrizierte Schränke und Küchen und eine rigorose Repetition desselben Typs. Ihre entwickelte modulare Struktur erlaubte Grundrisse sehr unterschiedlicher Grösse, bei gelichbleibenden Massstandardisierungen der Ausbauteile. Im Gebiet Goldern in Aarau erprobte Wernle in Zusammenarbeit mit Aeschbach Felber innerhalb eines Ost-West orientierten Wohnblocks diesen Prototyp mit seiner Morgenbesonnung der Schlafräume und der entsprechenden Abendsonne im langgestreckten Wohn-Essraum. Diese Wohnungsgrundrisse wurden dann später erfolgreich von Wernle bis nach Frankreich als Typ «Rastel-Granit» ausgeführt. Die innenliegenden Küchen, wie wir sie bereits in Wohnhochhäusern von Scharouns «Romeo und Julia» in Stuttgart und in Alvar Aaltos «Hansaviertel» in Berlin finden, sind in ihrer räumlichen Ausprägung quasi identisch mit jener der «Wohnbauserie 70» der DDR. Die Variation im Verkaufsprospekt zeigte die 3½-Zimmer «Standard» mit 83.0m² und die 3½-Zimmer «Luxe» Wohnung mit 101.5m².
Konfliktuös verbleibt die Unangepasstheit der Grundrisse in den Terrassenwohnungen zurück, in der jegliche Drehung und Ausrichtung des Wohnens auf die spektakulären Terrassen durch die Typisierung der Grundrisse unterbunden worden ist. Der ursprüngliche Zugang erfolgte in der geschlossenen Aussenwand durch ein banales Glaselement. Die veränderten und teilweise erweiterten Attikawohnungen sind patioartig in die horizontalen Zerklüftungen der Dachaufbauten eingefügt und eröffnen diagonale Blicke in die Silhouette der getürmten Landschaft.
Der Landschaftsentwurf von Albert Zulauf operierte mit beachtlichen Geländemodellierungen, die zugleich effizient die Nutzung des anfallenden Aushubs, den Wurzelraum für die Bäume im unterbauten Terrain und die Mittel der Raumbildung hervorbringen ‒ Raumbildungen, die in der weiten Ebene Orte der Umschliessung und geschwungene Wege modellieren. Zulaufs Aufzählung der «gestellten Aufgaben an den Landschaftsarchitekten» beginnt mit der weitestgehenden Integration der relativ grossen Baumassen in die Landschaft durch Terraingestaltungen und intensive Bepflanzungen, in der die Belagsflächen im Nahbereich der Bauten auf ein Minimum zu beschränken seien. Hiermit werden die Möglichkeiten aufgezeigt, «um die enormen Mengen von Aushubmaterial auf dem Areal sinnvoll und kostensparend einbauen zu können.» Wie in Zulaufs Projekt für das BBC-Forschungszentrum in Dättwil «wurde das Terrain kräftig modelliert und begrünt. Einzelne Föhrengruppen und viel wintergrünes Buschwerk verhindern jeweils die Einsicht in die (…) Räume auf den gegenüberliegenden Fassaden.»¹ Die sich verändernden Horizonte mit ihren Hügeln und Auengehölzen aus Weiden und Pappeln lassen die eigentlich überraschende Absenz des Verkehrs vollkommen vergessen; die Autos tauchen an der Arealgrenze in eine unterirdische Welt ein, die nur punktuell einen Lichteinfall von oben aufweist. Dem grossen Wunsch nach dem «Zurück zur Natur» entsprechen das Gelände und die grosszügige Gartengestaltung in idealer Weise, und darum ist gesamte Rekonstruktion des Parkes eine noch zu leistende Aufgabe.

¹ Albert Zulauf, BBC-Forschungszentrum Dättwil/Baden AG: Eine Forschungsanstalt im Grünen, Anthos, Jg. 20, 1981 H.1, S.12-17, hier S.16.

Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Westfassade mit neuen Balkonen, Telli B (Foto: Karin Gauch und Fabien Schwartz)
Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Neuer Balkon auf der Westseite (Foto: Karin Gauch und Fabien Schwartz)

Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?

Die Eingriffe sind beachtlich. Die Fassaden und Fensterfronten sind ausgewechselt und an der Westfassade wurden neue Balkone mit grösserer Tiefe eingesetzt. Die Planer beschreiten, so die Kritik der Denkmalpflege, mit ihrem Projekt «einen Weg, welcher sich stärker auf den ‹Schutz› der Optik, der ästhetischen Erscheinung des bestehenden Gebäudes beruft, als auf den Schutz der historischen, in diesem Fall sogar bauzeitlichen Substanz.»

Worin bestand die grösste Herausforderung?

Im Einzelnen sind es unzweifelhaft die zähen Anstrengungen zur Integration aller Lüftungsleitungen und sicherheitstechnischen Anforderungen, der Zentralen, der Erdbebenertüchtigung und des Brandschutzes in die Silhouette, die uns unendlich Geduld und Geschick abgerungen haben. Doch schlussendlich verbleibt die Sorge um das Ganze der Grosssiedlung Telli, und diese Sorge kann angesichts des teilweise stark gesplitteten Eigentums in den anderen Zeilen nicht kleingeredet werden.

Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Attikawohnung mit der Erweiterung (Foto: Karin Gauch und Fabien Schwartz)
Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Sanierte Terrasse der Attikawohnung (Foto: Karin Gauch und Fabien Schwartz)

Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?

Einer der bemerkenswertesten, in seiner Auslegung zugleich anforderungsreicher Artikel ist der Fünfte der Charta von Venedig, ein Artikel, den Norbert Huse immer wieder hervorgehoben hatte und der festhält, dass «die Erhaltung der Denkmäler (…) immer begünstigt wird durch eine der Gesellschaft nützlichen Funktion. Ein solcher Gebrauch ist daher wünschenswert, darf aber Struktur und Gestalt der Denkmäler nicht verändern.» Einmal mehr schillert die Metapher des Leitfadens zwischen Heuristik und Orthodoxie, oder zwischen blosser Findevermutung und einer Anweisung auf das ‹richtige Denken› eines Schulungstextes.
«Die Möglichkeit eines Konfliktes zwischen Gebrauchswert und Alterswert,» so schrieb luzid der österreichische Grossmeister Alois Riegl in «Der moderne Denkmalkultus,» ist «am ehesten an solchen Denkmalen gegeben, die an der Scheidegrenze zwischen benutzbaren und unbenutzbaren liegen.»

Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?

Erst die historische Untersuchung innerhalb der vorgezogenen Machbarkeitsstudie erschloss den Zugang zu den 19 Geschosse hohen Riesenkörpern, die sich mit ihren an den Enden weit heruntergezogenen Stufungen unzweifelhaft ein Motiv des gigantesken Ferienkomplexes «La Grande Motte» von Jean Balladur einverleiben. Diese durch Pyramiden inspirierte Form der privilegierten Terrassenwohnungen besichtigte der junge, talentierte Entwurfsarchitekt Jürg Plangg im Team von Marti + Kast, wie er uns in einem Gespräch von der angeordneten Studienreise in den Süden Frankreichs berichtete. Seine prägende Erinnerung war aber die riesige Dimension solcher Grands Ensembles: «Frankreich war ein Schock!» Auch wenn die stetigen Abtreppungen der Dachlandschaft ebenfalls die kurz zuvor geplante Überbauung in Regensdorf-Adlikon von Göhner mit Walter M. Förderer und Peter Steiger prägt, so geht deren Entwurf aus der topographischen Hanglage und einer plastischen Rhythmisierung hervor. Das Projekt von Marti + Kast erlaubte zudem nicht nur eine etappenweise Realisierung und einfache Aufteilung, sondern legte den komplett unterirdischen Fahrverkehr parallel zu den Gebäuden, so dass sich «eine unmittelbare Vorfahrt zu jedem Treppenhaus» ergab.

Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?

Wir reden vom Exempel, vom exemplarischen, ein durch die Tat gegebenes Vorbild, den tätigen Vorgang für die Nachfolge beim Erlernen der Baukunst.

Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Querschnitt
Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Grundrisse der 3.5-Zimmer-Wohnung „standard“ (vorher – nachher)
Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Grundrisse der 3.5-Zimmer-Wohnung „luxe“ (vorher – nachher)
Energetische Sanierung Telli B & C, Aarau
Grundrisse der Attika-Wohnung (vorher – nachher)

Kennwerte Telli, Aarau

Mengen, nach SIA 416vorhernachher
Gebäudevolumen (GV), m³194'280194'860
Geschossfläche (GF), m² 72'25072'465
Hauptnutzfläche (HNF), m²47'57547'790
Funktionale Einheiten (FE), Stk.581581
Baukosten, inkl. MWSt.
keine Angaben
Energiebedarfvorhernachher
Energiebezugsfläche EBF, m²57'76458'110
Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a11049
Grenzwert Qh, li für Umbauten, kWh/m²a3131
Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes, kWh/m²a352158
Elektrizität, inkl. Wärmepumpe (falls vorhanden), kWh/m²a3076
Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität)140125
Energieversorgungvorhernachher
EnergieerzeugungFernwärme GasFernwärme WP mit Spitzenlastabdeckung durch Gas
Eigenenergieversorgung erneuerbare Energie (PV, SK, Umweltwärme), kWh/m²a54.4 kWp installiert (Telli B)
Lüftung
Lüftungskonzept:
Die Wohnungen wurden mit einer einfacher mechanischen Abluftanlage ausgerüstet. Die Nachströmung der Frischluft erfolgt über Fassadenelemente, die Aussenluft über die Zimmer zur Absaugstellen in den Nasszellen leitet. Die Aussenluftdurchlässe sowie auch die Abluftklappen sind feuchtegesteuert und stellen somit sicher, dass sich keine überhöhte Feuchtigkeit ansammeln und zu Feuchteschäden führen könnten. Die bestehenden Küchen wurden mit Umluft-Absaugstellen mit Aktivkohlefilter ausgerüstet.
Die Treppenhäuser der Hochhäuser wurden mit einer Rauchfreihalteanlage (RDA) ausgerüstet.
Die Sondernutzungen in der Passerelle erhielten eigenständige Kleinlüftungsgeräte (KWL) und versorgen diese Räume mit Frischluft.
Die Tiefgaragen wurden an die Brandschutzanforderungen angepasst und entsprechend mit einer mechanischen Rauch- und Wärmeabzugsanlage ausgerüstet.
Schallschutzvorhernachher
Luftschallschutz Decke Di, dB (mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181)eingehalteneingehalten
Luftschallschutz Wohnungseingangstüren, dB (min. ≥ 37 dB)nicht eingehalteneingehalten
Trittschallpegel Boden L', dB (max. ≤ 55.0 dB Umbau gemäss SIA 181)eingehalteneingehalten
Brandschutzvorhernachher
Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden?nein
Nachhaltigkeitvorhernachher
NachhaltigkeitslabelSNBS 2.0
Erfüllung Norm SN 0500vorhernachher
Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG?ja100%
Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar?neinnein (kein Eingriff in die Grundrisse)

Eckdaten

BauwerknameEnergetische Sanierung Telli B & C, Aarau
OrtDelfterstrasse 21-44
5004 Aarau
AuftragsartDirektauftrag
Jahr der Fertigstellung2023
Baujahr Bestand1972-1989 (Architektur: Marti + Kast, Zürich)
BauweiseMassiv
BauherrschaftAXA Anlagestiftung, AXA Immobilien Schweiz Gemischt
ArchitekturMeili, Peter & Partner Architekten AG
8004 Zürich
BauleitungDrees & Sommer Schweiz AG
8003 Zürich
FachplanerMüller Illien Landschaftsarchitekten, 8004 Zürich
Nänny + Partner AG, 9014 St. Gallen (Bauingenieur)
EBP Schweiz AG, 8032 Zürich (HLKSE-Planung)
SpezialistenGartenmann Engineering AG, 6004 Luzern (Bauphysik, Label-Zertifizierung)
HKG Consulting AG, 5001 Aarau (Brandschutz)