Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Einführungstext.

Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?
Das Wohnhaus an der Giacomettistrasse wurde 2020 (zusammen mit dem Nachbarhaus) in sanierungsbedürftigem Zustand erworben. Die Vorgabe des Eigentümers war eine sozialverträgliche Sanierung mit Anpassung des Wohnungsmix, damit nebst den bestehenden 1- bis 3.5-Zimmer-Wohnungen neu auch Wohnungen für grosse Familien und Wohngemeinschaften möglich werden. Gesucht waren durchdachte Lösungen hinsichtlich gestalterischer Qualität, Suffizienz, Kosten, Energie und Ressourcen. Mit dem Erhalt von preisgünstigem Wohnraum sollte der sozialen Gemeinschaft Sorge getragen werden.
War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?
Nein, der Abbruch war nie ein Thema. Die Gebäudegruppe der Giacomettistrasse 2-10 ist Teil einer Überbauungsordnung, d.h. während des Baubewilligungsprozesses beurteilt die Baubehörde die geplanten Eingriffe im Sinne einer einheitlichen äusseren Gesamterscheinung – ein Abbruch eines einzelnen Gebäudes innerhalb dieser Gruppe wäre folglich nicht bewilligungsfähig gewesen. Auch der Eigentümer priorisierte den Erhalt des Gebäudes, einerseits aufgrund langjähriger Verbundenheit mit dem Quartier, und andererseits, um sich der Herausforderung zu stellen, die dem Weiterdenken eines Plattenbaus inneliegt (der berufliche Hintergrund des Eigentümers ist das Bauingenieurwesen).
Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?
Die Auseinandersetzung mit der Aufgabe zeigte die bestehenden Qualitäten auf. Nebst den klaren Grundrissen der Wohnungen mit angemessener Fläche und grosszügigem Aussenraum, überzeugte auch der Aussenraumbezug des Treppenhauses. Die Herausforderung bestand darin, diese Qualitäten durch die Erdbebenertüchtigung und die Schaffung hindernisfreier Zugänglichkeit nicht zu verlieren. So wurden Lösungsansätze, die beispielsweise die Grosszügigkeit des Treppenhauses eingeschränkt hätten, verworfen und neu gedacht. Die Vorgaben der Erdbebensicherheit wurden schliesslich mit den Anforderungen der Hindernisfreiheit an Bäder- und Aufzugsgrössen kombiniert: Der neue Liftschacht und die Nasszellen bilden statische Kerne, die die notwendige Verstärkungen gewährleisten. Im Zuge dessen konnten auch die gewünschten Grosswohnungen realisiert werden.

(Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)
Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?
Die Analyse zeigte, dass die notwendigen Massnahmen tief in den Bestand eingreifen würden und dass grosse Mengen an schadstoffbelastetem Verputz vorhanden waren. Entsprechend wurde klar, dass keine Instandsetzung im bewohnten Zustand möglich sein würde.
Für die energetische Ertüchtigung wurden die Fenster ersetzt und die erforderlichen Dämmwerte von Fassade und Flachdach mit einer Aussenisolation erreicht. Hierbei war baurechtlich festgehalten, dass der äussere Eindruck (auch hinsichtlich Farbgebung) nicht wesentlich verändert werden durfte. Die bereits erwähnten drei neuen Betonkerne verstärken die Struktur über die gesamte Gebäudehöhe und gewährleisten die hindernisfreie Zugänglichkeit sämtlicher Wohnungen. Die notwendige statische Ertüchtigung der Balkone konnte, nach eingehender Planung, minimal mit einer sichtbaren Klebearmierung umgesetzt werden. Eine Erweiterung der Balkone stand aufgrund der Überbauungsordnung nicht zur Diskussion. Zudem steht allen Bewohnenden die Nutzung der Dachterrasse – mit Alpenblick – zur freien Verfügung.
Soweit möglich, wurden Bauteile rückgebaut, gereinigt, bei Bedarf ertüchtigt und wiedermontiert. Das waren beispielsweise Treppengeländer, die Zargen der Wohnungstüren, Zimmertüren, Einbauschränke, Markisen und Verbundsteine. Bei gewissen Bauteilen war hingegen eine Herangehensweise notwendig, die eine tiefgehende Analyse, Absprachen mit Planern, Unternehmern und Lieferanten und aufwendige Bemusterungen erforderten. Die grösste Herausforderung in dieser Hinsicht waren die vorgehängten Waschbetonelemente. Deren Aufhängung war statisch ungenügend, die Fugen enthielten schadstoffhaltigen Kitt. Eine Wiedermontage kam aufgrund ungenügender Tragfähigkeit der Platten nicht in Frage. Schlussendlich wurde entschieden, diese Elemente zu demontieren und einen vergleichbaren Ausdruck durch einen speziellen Verputz zu erlangen, welcher als letzter Arbeitsschritt mit einer Einstreuung veredelt wurde.
Worin bestand die grösste Herausforderung?
Die anspruchsvollen Vorgaben erforderten einen unkonventionellen Planungsansatz mit konsequentem Abwägen und regelmässigem Austausch, um kostenoptimierte Gesamtlösungen zu entwickeln. Dies lässt sich insbesondere am umgesetzten Energie- und Wärmekonzept ablesen.
Der Wärmebedarf, die damit verbundenen Installationen, der Einsatz erneuerbare Energien und die Installation in einer statisch heiklen Konstruktion warfen zu Beginn grosse Fragen auf. In der schlussendlichen Lösung erwies sich das System Kegel von Plan K für die Wärmeabgabe dabei als wichtiger Baustein. Dieses bringt die Wärme mittels Konvektion mit minimaler Temperaturdifferenz in den Raum ein. Dies ermöglichte den Verzicht auf Radiatoren mit hoher Vorlauftemperatur. Die technischen Komponenten wurden in einem multifunktionalen Element gebündelt, das Dämmung, Installationen und Technik vereint und den Mietenden einen Mehrwert in Form eines Sitzmöbels beim Fenster bietet.
Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?
Die grösste Erkenntnis war, dass es sich lohnt, gängige Konzepte in Frage zu stellen. Dies öffnet Türen zu neuen Ansätzen, welche hinsichtlich Suffizienz, Energie, Ressourcen und Kosten interessant sind. Hierzu können viele Beispiele genannt werden: Minimieren der Tragwerksertüchtigung , ganzheitliches Wärme-System, Wiederverwendung der bestehenden Elektro-Leitungsführung, aber auch das Infragestellen der heutigen Standards im Wohnungsbau.
Die Ertüchtigung der Treppengeländer zeigt den Umgang mit bestehenden Bauteilen beispielhaft: Aufgrund der zu niedrigen Geländerhöhe und des ungenügenden Widerstands hielt der Bestand die heutigen Normen nicht ein. Anstelle einer kompletten Demontage und den damit verbundenen Schäden an den angrenzenden Bauteilen konnte mit der Ergänzung von Stahlprofilen der Widerstand erhöht und die bestehenden Holzhandläufe auf der notwendigen Höhe wiedermontiert werden. Jeder noch so kleine Beitrag zum Erhalt ist wichtig.
Hinsichtlich Sozialverträglichkeit ist die kontinuierliche Begleitung durch das vor Ort eingerichtete Bureau Giacometti erwähnenswert. Die wöchentliche Sprechstunde bot den Mietenden Raum für persönliche Gespräche, die nicht nur wertvolle Inputs für die Planung lieferten, sondern auch das Vertrauen und die Akzeptanz des Umbaus im Quartier erhöhten.
Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?
Zusammen mit unserem Ingenieurbüro erarbeiteten wir vorgängig eine Zustandsanalyse, deren Erkenntnisse die Grundlage für die Planung bildeten, insbesondere hinsichtlich der Ertüchtigung des Tragwerks, der Weiternutzung bestehender Steigzonen sowie der Wiederverwendung von Bauteilen. Im Vorprojekt wurde als Zusatzleistung die Machbarkeit möglicher Grundrissveränderungen innerhalb des Systems der Plattenbauweise überprüft. Eine Vergrösserung der Wohnfläche durch Aufstockung oder Anbau wurde aufgrund der baurechtlichen Bedingungen nicht weitergedacht – die entsprechenden Massnahmen am Tragwerk wären auch in keinem Verhältnis gestanden.

Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?
Grundsätzlich wurden die Massnahmen durch das Planungsteam (bei einzelnen Themen auch mit der Bauherrschaft) entwickelt. Bezüglich des Wärme-/Kältesystems von Plan K konnte der Umbau eines Verwaltungsgebäudes in St. Gallen als Grundlage beigezogen werden.
Was würden Sie oder die Bauherrschaft rückblickend anders machen/angehen?
Aktuell wird das angrenzende Haus Giacomettistrasse 2, welches der gleichen Bauherrschaft gehört, in analoger Weise saniert. Nebst geringfügigen Veränderungen, wie beispielsweise der vereinfachten Leitungsführung oder einer optimierten Konstruktion des Sitzmöbels, werden der Grundsatz und die erarbeiteten Vorgehensweisen in gleicher Weise umgesetzt.

Kennwerte der Erneuerung MFH Giacomettistrasse
| Mengen, nach SIA 416 | vorher | nachher |
|---|---|---|
| Gebäudevolumen (GV), m³ | 10'011 | 10'011 |
| Geschossfläche (GF), m² | 3'650 | 3'650 |
| Hauptnutzfläche (HNF), m² | 2'581 | |
| Funktionale Einheiten (FE), Stk. | [wieviele Einheiten waren es vorher?] | 42 |
| BKP 1 Vorbereitungsarbeiten | 500'000 | |
| BKP 2 Gebäude | 10'160'000 | |
| BKP 4 Umgebung | 120'000 | |
| BKP 5 Baunebenkosten | 45'000 | |
| BKP 9 Ausstattung | 0 | |
| BKP 1-9, CHF | 10'825'000 | |
| BKP 2, CHF/m³ GV | 1'010 | |
| BKP 2, CHF/m² HNF | 3'940 | |
| BKP 2, CHF/Stk. FE | 241'900 | |
| BKP 1-9, CHF/m³ GV | 1'080 | |
| BKP 1-9, CHF/m² HNF | 4'190 | |
| BKP 1-9, CHF/Stk. FE | 257'740 | |
| Energiebezugsfläche EBF, m² | 3'198 | 3'253 |
| Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a | 180 | 24 |
| Grenzwert Qh,li für Umbauten, kWh/m²a | 41 | 41 |
| Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes | 439 | 59 |
| Elektrizität, inkl. Wärmepumpe (falls vorhanden), kWh/m²a | 55 | 27 |
| Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität), kWh/m²a | 235 | 51 |
| Energieerzeugung | Erdöl | Erdsondenwärme |
| Eigenenergieversorgung erneuerbare Energie (PV, SK, Umweltwärme), kWh/m²a | 0 | 31 |
| Art der erneuerbaren Energie | Erdwärme, Photovoltaik | |
| Lüftungskonzept: | ||
| Luftschallschutz Decke Di, dB (mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181) | Bestand | |
| Trittschallpegel Boden L', dB (max. ≤ 55.0 dB Umbau gemäss SIA 181) | Bestand | |
| In welchem Umfang sind Bauteile ertüchtigt worden? | ||
| Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden? | Nein | |
| Erfüllungsfaktor αeff nach SIA 269/8 oder gem. Merkblatt SIA 2018 | 0.19 | 1 |
| nach welcher Norm berechnet? | SIA 269/8 | |
| Nachhaltigkeitslabel | Nein | |
| Treibhausgasemissionen Erstellung und Betrieb gem. SIA 2040, THG (kg CO2-eq/m²a) | N.B. | |
| Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG? | Nein | Ja |
| Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar? | Nein | Ja (min. 40% der Wohnungen) |
Eckdaten
| Bauwerkname | Erneuerung MFH Giacomettistrasse |
| Ort | Giacomettistrasse 4 3006 Bern |
| Auftragsart | Direktauftrag |
| Jahr der Fertigstellung | 2024 |
| Baujahr Bestand | 1967 (Architektur: Ch. Nauer und K. Scheurer, Bern) |
| Bauweise | Massivbau, Plattenbau |
| Bauherrschaft | Emil Merz AG, 3005 Bern |
| Architektur & Bauleitung | Co. Architekten AG, 3014 Bern Jasmin Brunner, Flavia Furer, Armin Sheak |
| Fachplaner | Schnetzer Puskas Ingenieure AG, 3011 Bern (Tragkonstruktion) Amstein + Walthert Bern AG, 3001 Bern (HLKSE-/Brandschutz Planung) Plan K AG, 5034 Suhr (Planung Wärmeabgabe) |
| Spezialisten | Zeugin Bauberatungen AG, 3110 Münsingen BE, (Bauphysik) hpb consulting ag, 3007 Bern (Schadstoffe) |












