Erneuerung MFH Giacomettistrasse

Einführungstext.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Strassenfassade nach der Sanierung (Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?

Das Wohnhaus an der Giacomettistrasse wurde 2020 (zusammen mit dem Nachbarhaus) in sanierungsbedürftigem Zustand erworben. Die Vorgabe des Eigentümers war eine sozialverträgliche Sanierung mit Anpassung des Wohnungsmix, damit nebst den bestehenden 1- bis 3.5-Zimmer-Wohnungen neu auch Wohnungen für grosse Familien und Wohngemeinschaften möglich werden. Gesucht waren durchdachte Lösungen hinsichtlich gestalterischer Qualität, Suffizienz, Kosten, Energie und Ressourcen. Mit dem Erhalt von preisgünstigem Wohnraum sollte der sozialen Gemeinschaft Sorge getragen werden.

War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?

Nein, der Abbruch war nie ein Thema. Die Gebäudegruppe der Giacomettistrasse 2-10 ist Teil einer Überbauungsordnung, d.h. während des Baubewilligungsprozesses beurteilt die Baubehörde die geplanten Eingriffe im Sinne einer einheitlichen äusseren Gesamterscheinung – ein Abbruch eines einzelnen Gebäudes innerhalb dieser Gruppe wäre folglich nicht bewilligungsfähig gewesen. Auch der Eigentümer priorisierte den Erhalt des Gebäudes, einerseits aufgrund langjähriger Verbundenheit mit dem Quartier, und andererseits, um sich der Herausforderung zu stellen, die dem Weiterdenken eines Plattenbaus inneliegt (der berufliche Hintergrund des Eigentümers ist das Bauingenieurwesen).

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Aussenansicht im Vorzustand
(Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?

Die Auseinandersetzung mit der Aufgabe zeigte die bestehenden Qualitäten auf. Nebst den klaren Grundrissen der Wohnungen mit angemessener Fläche und grosszügigem Aussenraum, überzeugte auch der Aussenraumbezug des Treppenhauses. Die Herausforderung bestand darin, diese Qualitäten durch die Erdbebenertüchtigung und die Schaffung hindernisfreier Zugänglichkeit nicht zu verlieren. So wurden Lösungsansätze, die beispielsweise die Grosszügigkeit des Treppenhauses eingeschränkt hätten, verworfen und neu gedacht. Die Vorgaben der Erdbebensicherheit wurden schliesslich mit den Anforderungen der Hindernisfreiheit an Bäder- und Aufzugsgrössen kombiniert: Der neue Liftschacht und die Nasszellen bilden statische Kerne, die die notwendige Verstärkungen gewährleisten. Im Zuge dessen konnten auch die gewünschten Grosswohnungen realisiert werden.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Betonkern mit Nasszelle zur statischen Ertüchtigung
(Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?

Die Analyse zeigte, dass die notwendigen Massnahmen tief in den Bestand eingreifen würden und dass grosse Mengen an schadstoffbelastetem Verputz vorhanden waren. Entsprechend wurde klar, dass keine Instandsetzung im bewohnten Zustand möglich sein würde.

Für die energetische Ertüchtigung wurden die Fenster ersetzt und die erforderlichen Dämmwerte von Fassade und Flachdach mit einer Aussenisolation erreicht. Hierbei war baurechtlich festgehalten, dass der äussere Eindruck (auch hinsichtlich Farbgebung) nicht wesentlich verändert werden durfte. Die bereits erwähnten drei neuen Betonkerne verstärken die Struktur über die gesamte Gebäudehöhe und gewährleisten die hindernisfreie Zugänglichkeit sämtlicher Wohnungen. Die notwendige statische Ertüchtigung der Balkone konnte, nach eingehender Planung, minimal mit einer sichtbaren Klebearmierung umgesetzt werden. Eine Erweiterung der Balkone stand aufgrund der Überbauungsordnung nicht zur Diskussion. Zudem steht allen Bewohnenden die Nutzung der Dachterrasse – mit Alpenblick – zur freien Verfügung.

Soweit möglich, wurden Bauteile rückgebaut, gereinigt, bei Bedarf ertüchtigt und wiedermontiert. Das waren beispielsweise Treppengeländer, die Zargen der Wohnungstüren, Zimmertüren, Einbauschränke, Markisen und Verbundsteine. Bei gewissen Bauteilen war hingegen eine Herangehensweise notwendig, die eine tiefgehende Analyse, Absprachen mit Planern, Unternehmern und Lieferanten und aufwendige Bemusterungen erforderten. Die grösste Herausforderung in dieser Hinsicht waren die vorgehängten Waschbetonelemente. Deren Aufhängung war statisch ungenügend, die Fugen enthielten schadstoffhaltigen Kitt. Eine Wiedermontage kam aufgrund ungenügender Tragfähigkeit der Platten nicht in Frage. Schlussendlich wurde entschieden, diese Elemente zu demontieren und einen vergleichbaren Ausdruck durch einen speziellen Verputz zu erlangen, welcher als letzter Arbeitsschritt mit einer Einstreuung veredelt wurde.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Fensterfront mit neuem Sitzelement
(Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Fensterfront im Vorzustand
(Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Worin bestand die grösste Herausforderung?

Die anspruchsvollen Vorgaben erforderten einen unkonventionellen Planungsansatz mit konsequentem Abwägen und regelmässigem Austausch, um kostenoptimierte Gesamtlösungen zu entwickeln. Dies lässt sich insbesondere am umgesetzten Energie- und Wärmekonzept ablesen.

Der Wärmebedarf, die damit verbundenen Installationen, der Einsatz erneuerbare Energien und die Installation in einer statisch heiklen Konstruktion warfen zu Beginn grosse Fragen auf. In der schlussendlichen Lösung erwies sich das System Kegel von Plan K für die Wärmeabgabe dabei als wichtiger Baustein. Dieses bringt die Wärme mittels Konvektion mit minimaler Temperaturdifferenz in den Raum ein. Dies ermöglichte den Verzicht auf Radiatoren mit hoher Vorlauftemperatur. Die technischen Komponenten wurden in einem multifunktionalen Element gebündelt, das Dämmung, Installationen und Technik vereint und den Mietenden einen Mehrwert in Form eines Sitzmöbels beim Fenster bietet.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Küche (Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?

Die grösste Erkenntnis war, dass es sich lohnt, gängige Konzepte in Frage zu stellen. Dies öffnet Türen zu neuen Ansätzen, welche hinsichtlich Suffizienz, Energie, Ressourcen und Kosten interessant sind. Hierzu können viele Beispiele genannt werden: Minimieren der Tragwerksertüchtigung , ganzheitliches Wärme-System, Wiederverwendung der bestehenden Elektro-Leitungsführung, aber auch das Infragestellen der heutigen Standards im Wohnungsbau.

Die Ertüchtigung der Treppengeländer zeigt den Umgang mit bestehenden Bauteilen beispielhaft: Aufgrund der zu niedrigen Geländerhöhe und des ungenügenden Widerstands hielt der Bestand die heutigen Normen nicht ein. Anstelle einer kompletten Demontage und den damit verbundenen Schäden an den angrenzenden Bauteilen konnte mit der Ergänzung von Stahlprofilen der Widerstand erhöht und die bestehenden Holzhandläufe auf der notwendigen Höhe wiedermontiert werden. Jeder noch so kleine Beitrag zum Erhalt ist wichtig.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Treppenhaus nach der Sanierung
(Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Hinsichtlich Sozialverträglichkeit ist die kontinuierliche Begleitung durch das vor Ort eingerichtete Bureau Giacometti erwähnenswert. Die wöchentliche Sprechstunde bot den Mietenden Raum für persönliche Gespräche, die nicht nur wertvolle Inputs für die Planung lieferten, sondern auch das Vertrauen und die Akzeptanz des Umbaus im Quartier erhöhten.

Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?

Zusammen mit unserem Ingenieurbüro erarbeiteten wir vorgängig eine Zustandsanalyse, deren Erkenntnisse die Grundlage für die Planung bildeten, insbesondere hinsichtlich der Ertüchtigung des Tragwerks, der Weiternutzung bestehender Steigzonen sowie der Wiederverwendung von Bauteilen. Im Vorprojekt wurde als Zusatzleistung die Machbarkeit möglicher Grundrissveränderungen innerhalb des Systems der Plattenbauweise überprüft. Eine Vergrösserung der Wohnfläche durch Aufstockung oder Anbau wurde aufgrund der baurechtlichen Bedingungen nicht weitergedacht – die entsprechenden Massnahmen am Tragwerk wären auch in keinem Verhältnis gestanden.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Badezimmer im neuen Betonkern (Foto: Co. Architekten / Fabian Brügger)

Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?

Grundsätzlich wurden die Massnahmen durch das Planungsteam (bei einzelnen Themen auch mit der Bauherrschaft) entwickelt. Bezüglich des Wärme-/Kältesystems von Plan K konnte der Umbau eines Verwaltungsgebäudes in St. Gallen als Grundlage beigezogen werden.

Was würden Sie oder die Bauherrschaft rückblickend anders machen/angehen?

Aktuell wird das angrenzende Haus Giacomettistrasse 2, welches der gleichen Bauherrschaft gehört, in analoger Weise saniert. Nebst geringfügigen Veränderungen, wie beispielsweise der vereinfachten Leitungsführung oder einer optimierten Konstruktion des Sitzmöbels, werden der Grundsatz und die erarbeiteten Vorgehensweisen in gleicher Weise umgesetzt.

Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Situationsplan (links: Giacomettistrasse 4, rechts: Giacomettistrasse 2)
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Grundriss Regelgeschoss A
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Grundriss Regelgeschoss B
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Grundriss Untergeschoss
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Grundriss Erdgeschoss
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Grundriss Dachgeschoss
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Ansicht Westfassade (mit Nachbarhaus rechts)
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Schnitte
Erneuerung MFH Giacomettistrasse
Ansicht Ostfassade (mit Nachbarhaus links)

Kennwerte der Erneuerung MFH Giacomettistrasse

Mengen, nach SIA 416vorhernachher
Gebäudevolumen (GV), m³10'01110'011
Geschossfläche (GF), m²3'6503'650
Hauptnutzfläche (HNF), m²2'581
Funktionale Einheiten (FE), Stk.[wieviele Einheiten waren es vorher?]42
Baukosten, CHF inkl. MWSt.
BKP 1 Vorbereitungsarbeiten500'000
BKP 2 Gebäude10'160'000
BKP 4 Umgebung120'000
BKP 5 Baunebenkosten45'000
BKP 9 Ausstattung0
BKP 1-9, CHF10'825'000
BKP 2, CHF/m³ GV1'010
BKP 2, CHF/m² HNF3'940
BKP 2, CHF/Stk. FE241'900
BKP 1-9, CHF/m³ GV1'080
BKP 1-9, CHF/m² HNF4'190
BKP 1-9, CHF/Stk. FE257'740
Energiebedarfvorhernachher
Energiebezugsfläche EBF, m²3'1983'253
Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a18024
Grenzwert Qh,li für Umbauten, kWh/m²a4141
Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes43959
Elektrizität, inkl. Wärmepumpe (falls vorhanden), kWh/m²a5527
Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität), kWh/m²a23551
Energieversorgungvorhernachher
EnergieerzeugungErdölErdsondenwärme
Eigenenergieversorgung erneuerbare Energie (PV, SK, Umweltwärme), kWh/m²a031
Art der erneuerbaren EnergieErdwärme, Photovoltaik
Lüftung
Lüftungskonzept:
Zusätzlich zur Fensterlüftung wird eine minimale Komfortlüftung betrieben, welche unter anderem dazu dient, die Umwälzung und Verteilung der von den Klimakonvektoren eingebrachten Wärme zu unterstützen.
Schallschutzvorhernachher
Luftschallschutz Decke Di, dB
(mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181)
Bestand
Trittschallpegel Boden L', dB
(max. ≤ 55.0 dB Umbau gemäss SIA 181)
Bestand
In welchem Umfang sind Bauteile ertüchtigt worden?
Der neue Bodenbelag wurde mit Trittschall-Entkopplungsmatten ausgeführt und somit minimal verbessert.
Brandschutzvorhernachher
Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden?Nein
Erdbebensicherheitvorhernachher
Erfüllungsfaktor αeff nach SIA 269/8 oder gem. Merkblatt SIA 20180.191
nach welcher Norm berechnet?SIA 269/8
Nachhaltigkeitvorhernachher
NachhaltigkeitslabelNein
Treibhausgasemissionen Erstellung und Betrieb gem. SIA 2040, THG (kg CO2-eq/m²a)N.B.
Erfüllung Norm SN 0500vorhernachher
Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG?NeinJa
Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar?NeinJa (min. 40% der Wohnungen)

Eckdaten

BauwerknameErneuerung MFH Giacomettistrasse
OrtGiacomettistrasse 4
3006 Bern
AuftragsartDirektauftrag
Jahr der Fertigstellung2024
Baujahr Bestand1967 (Architektur: Ch. Nauer und K. Scheurer, Bern)
BauweiseMassivbau, Plattenbau
BauherrschaftEmil Merz AG, 3005 Bern
Architektur & BauleitungCo. Architekten AG, 3014 Bern
Jasmin Brunner, Flavia Furer, Armin Sheak
FachplanerSchnetzer Puskas Ingenieure AG, 3011 Bern (Tragkonstruktion)

Amstein + Walthert Bern AG, 3001 Bern
(HLKSE-/Brandschutz Planung)

Plan K AG, 5034 Suhr (Planung Wärmeabgabe)
SpezialistenZeugin Bauberatungen AG, 3110 Münsingen BE,
(Bauphysik)

hpb consulting ag, 3007 Bern (Schadstoffe)